Gerhard Paul. Bilder des Krieges – Krieg der Bilder. Die Visualisierung des modernen Krieges.

Werkzeuge zur Dechiffrierung von Kriegsbildern?

Gerhard Paul. Bilder des Krieges – Krieg der Bilder. Die Visualisierung des modernen Krieges.

Eine Rezension von Thomas Seibert und Anne Poggenpohl im Rahmen des Seminars Kommunikation mit Bildern an der Köln International School of Design

In Zeitungen, Fernsehberichten, Computerspielen oder YouTube Videos etc. sehen wir Sie täglich: Bilder des Krieges. 
Dieses Phänomen beschreibt Gerhard Paul in seiner chronologischen Analyse von Kriegsbildern und erörtert dabei die leitenden Fragestellungen:

Wie interpretieren wir jegliche Formen von physischen Kriegsbildern?
Sind Kriegsbilder für uns nur passive Repräsentationen von Geschichte?
In welcher Wechselwirkung stehen endogene Bilder mit aktuellen Darstellungen von bewaffneten Konflikten?
Nehmen Bilder möglicherweise eine viel aktivere Rolle bei der Durchführung und Erinnerung von Kriegen in unseren Köpfen, unserer Rezeption von Krieg ein?
Kann man sogar soweit gehen, dass man von einer Instrumentalisierung der Bilder als Waffen des modernen Krieges sprechen kann?

Der Flensburger Historiker und Sozialwissenschaftler Gerhard Paul gibt in seiner Publikation »Bilder des Krieges – Krieg der Bilder. Die Visualisierung des modernen Krieges« (2004) seinen Leserinnen und Lesern nicht nur Antworten auf die einleitend gestellten Fragen, sondern bietet darüber hinaus eine immense Fülle an Material. In Form von neun »Visual Essays« und einem zehnten zusammenfassenden Kapitel veranschaulicht Paul den Forschungsgestand der visuellen Repräsentation von Krieg.
Seine Zeitreise beginnt mit der künstlerischen Modellierung des vor- und frühmodernen Krieges, sowie die Kriege des 19. Jahrhunderts, umfasst den 1. Weltkrieg, den Spanischen Bürgerkrieg, den 2. Weltkrieg, den Vietnam-Krieg, die beiden Golf-Kriege, und den Kosovo-Krieg und endet mit der Analyse der visuellen Repräsentation von »New York, Nine Eleven«. Er entwickelt hierbei Analyse-Werkzeuge zur Dechiffrierung von historischen, technischen und elektronischen Bildern. Die Werkzeuge, welche Gerhard Paul dabei zur Verfügung stellt, gehen über den eigentlichen Gegenstandsbereich der Kriegsbilder hinaus und helfen die bildwissenschaftliche Frage nach der Lesbarkeit und der Struktur von Bildern neu zu stellen.

Gerhard Pauls grundlegende Annahmen zum Charakter des Krieges

Kriege sind prinzipiell chaotischen Charakters und weder planbar, kalkulierbar noch vorhersehbar. Diese Meinung teilt Gerhard Paul mit so unterschiedlichen Autoren wie dem preußischen Militärtheoretiker Carl von Clausewitz und dem amerikanischen Politologen Gabriel Kolko. Exemplarisch belegt Gerhard Paul dies bereits in seiner Einführung anhand der beiden Weltkriege, dem Vietnam-Krieg und auch Kriegsereignissen der Post-Moderne, wie dem Irak-Krieg. Die chronologische Analyse der Kriegsberichterstattung vom Beginn der Moderne bis in die Gegenwart führt den Professor für Geschichte zu seiner klaren These: »Sowohl der industrialisierte Krieg der Vergangenheit wie der elektronische Krieg der Gegenwart entzieht sich letztlich der bildlichen Repräsentation.«
Bilder dringen in alle Segmente des Alltags ein: Sie sind zu einem zentralen Kommunikationsmittel in Wirtschaft und Werbung sowie in Politik und Kriegsführung geworden.
Was jedoch sehen wir in der alltäglichen Bilderflut? Sind Bilder als Abbilder der Realität zu verstehen? Sehen wir blutigen Schlachten, wie sie einst im 17. Jahrhundert stattfanden?
 Der Krieg ist in seiner Brutalität und seinen katastrophalen Ausmaßen laut Gerhard Paul in der öffentlichen Berichterstattung kaum mehr zu finden. Technische und elektronische Darstellungen ersetzen diese grausamen Bilder und suggerieren damit die »Illusion von Plan- und Kalkulierbarkeit« der »sauberen« Kriege der Postmoderne. Die Humanisierung von Kriegen und dem Versuch Kriegen eine Ordnungsstruktur zu geben steht Gerhard Paul entschieden entgegen.

 

Kriegsbilder reflektieren, Bildkompetenz fördern

1. Unterscheidung endogener und äußerer Bilder

Was sehe ich und woran erinnert es mich?
Ein wesentliches Verständniswerkzeug in Gerhard Pauls Werkzeugkasten, ist die Unterscheidung von endogenen und äußeren Bildern. Diese basiert auf der Bildtheorie »Bild-Anthropologie« (2001) von Hans Belting. Hans Belting skizziert ein Schema, wie das »kollektive Gedächtnis« unsere Wahrnehmung in neuen Situationen beeinflusst. Entscheidend dabei ist das anthropologische Grundbedürfnis des Menschen nach Sinn. Ein Bild ist weniger nur eine neutrale Darstellung, sondern viel mehr ein mit Sinn aufgeladenes Kommunikationsmedium.
Ausgangspunkt sind die sogenannten »Signs«, welche intensiv, verinnerlichte Bilder sind, wie das World Trade Center als Wahrzeichen und ökonomisches Herz Amerikas. Verbindet man diese Bilder mit historischen und kulturellen Erfahrungen eines Individuums, entstehen gewisse Klischees und Bildmuster.
Am Beispiel Nine Eleven New York: Ein 11-jähriges Kind sieht, dass ein Flugzeug in zwei Hochhäuser fliegt. Das Kind hat bisher keine »Signs« im Bezug auf das World Trade Center verinnerlicht und versteht das World Trade Center als zwei Hochhäuser. Es erfolgt keine weitere Interpretation. Ein Mensch mit entsprechend kulturellem und politischem Hintergrund hingegen sieht nicht einfach zwei Hochhäuser, sondern das World Trade Center. Das World Trade Center als Wahrzeichen und ökonomisches Herzstück Amerikas. Diese verankerten Klischees und Bildmuster legen sich wie ein monochromer Filter über dieses äußere Bild. Das Bild, dass ein Flugzeug in ein Gebäude fliegt, ist nun mehr ein Bild des Terrors und der Ohnmacht Amerikas.
Diese verinnerlichten Bildmuster führen zu einer unbewussten Veränderung unserer Wahrnehmung in neuen Situationen. Würde heutzutage ein Flugzeug auf den »Taipeh 101« zufliegen, würden wir sofort einen Terroranschlag gegen Taiwan vermuten. Ein Flugzeugunglück käme uns sicherlich nicht mehr in den Sinn.
Verstärkt wird die Bildung dieses »kollektiven (Bild-)Gedächtnis« durch die rasante Zunahme und Reproduktion von Bildern in elektronischen Medien. Obwohl wir selbst bei fast allen Ereignissen nicht anwesend waren, verfügen wir über bestimmte Bilder in unserem Gedächtnis. Nach Paul kann man sich von diesem monochromen Filter der Bilderfahrung nicht befreien, man kann jedoch mit dieser Vorerfahrung mit Bildern anders bzw. bewusster und reflektierter umgehen.


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